Frieden mittendrin und allem zum Trotz!


Daniel Schulte
ist Pastor in Meran
 „Ich stecke mitten im Weihnachtswahnsinn!“, schrieb mir eine befreundete Verkäuferin im Dezember. Wirklich Wahnsinn, wie gut die Saison-Geschäfte gehen. In diesem Wahnsinn wird man oft blind für den wahren Sinn des Festes. Vor lauter Christbäumen sieht man den Wald nicht mehr. Deshalb sollte diese Frage gelten dürfen: Weihnachten – warum eigentlich?

Eine Antwort auf diese Frage bietet das traditionelle Friedenslicht, das jährlich im Dezember aus Bethlehem in alle Welt getragen wird: Weihnachten – damit endlich Frieden werde. Fragt sich nur, wie viel dieses Symbol von dem halten kann, was es verspricht. Wie viel Frieden wartet tatsächlich unterm Christbaum? Bitter nötig hätten wir ihn, sowohl in unserer Welt als auch in unseren Herzen!

Um noch alles gebacken zu kriegen

Es liegt nahe, dass wir im Blick auf ein derart urchristliches Fest die Bibel befragen. Im Alten Testament findet man für Frieden das hebräische Wort „schalom“. Das bedeutet so viel wie Unversehrtheit, Ganzheit, Schutz und Wohlbefinden – im Sinne einer harmonischen Einheit der vielen Lebensbereiche. Was zusammengehört, findet sich. Dann ist Schalom! Als sprachliches Pendant dazu findet sich im Neuen Testament das griechische Wort „eirene“, von dem sich der weibliche Vorname „Irene“ ableitet. „Eirene“ meint mehr die Ruhe, einen Zustand der Stille und des Geklärtseins.


Schalom und Eirene! Wer wünscht sich das nicht? Ein Leben, bei dem alles am rechten Platz ist, eine Existenz in Harmonie und guter Ordnung. Ein Leben, das aus der Ruhe heraus geführt wird!

Spätestens jetzt muss man ernsthaft zu zweifeln beginnen, ob Weihnachten dafür wirklich geeignet ist. Ausgerechnet zu dieser Jahreszeit, wo man sich inmitten des Wahnsinns förmlich zerreißt, um noch alles gebacken zu kriegen – nicht nur die Kekse. Ausgerechnet jetzt, wo so viele familiäre Spannungen und Streitigkeiten aufkommen wie sonst kaum während des Jahres. Ausgerechnet jetzt spricht man von Frieden, wo doch in dieser Hektik kaum einer zur Ruhe kommt. Was nur hat Weihnachten mit Frieden zu tun?

Jenseits aller Beschaulichkeit und Waffenruhe

Bei der Ankündigung der Geburt von Marias erstem Sohn wird über ihn gesagt: „Er wird kommen, um unsere Füße auf den Weg des Friedens zu führen!“

Kurz darauf öffnet sich der Himmel für die Hirten auf dem Feld – ausgerechnet für diese „Außenseiter“, die sonst niemand wirklich wahrnimmt. Ihnen wird mitgeteilt, dass der geboren ist, auf den viele so lange gewartet haben: Jesus, der Retter. Und sie hören den Gesang der himmlischen Heerscharen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden den Menschen, an denen er Wohlgefallen hat.“ Endlich ist der Messias da, endlich Frieden – so könnte man diese urchristliche Weihnachtsbotschaft zusammenfassen.

Etwa 30 Jahre später bestätigt Jesus selbst seine Friedensmission: „Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht wie die Welt gibt, gebe ich euch! Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht!“

Damit meint er: Was ihr Frieden nennt, ist meist ein trügerisches Spiel. Denn ihr nennt es Frieden, wenn man gute Miene zum bösen Spiel macht – weil es sich zu gewissen „heiligen“ Zeiten nun mal so gehört. Ihr nennt es Frieden, wenn gerade mal die Waffen schweigen und sich die Verlierer vor den Siegern beugen. Ihr nennt es Frieden, wenn Konflikte oberflächlich befriedet sind oder Krisen in den Medien unerwähnt bleiben.

Ich aber bin zur Welt gekommen, um eine andere Art von Frieden zu bringen, jenseits aller Beschaulichkeit und Waffenruhe. Echten Frieden, der nicht an der Oberfläche bleibt, der nicht darauf angewiesen ist, dass um uns herum alles friedlich und easy läuft. Ganz im Gegenteil – Jesus meint eine Ruhe, die man selbst mitten im Sturm findet. Einen Frieden, der sich im Extremfall gerade da zeigt, wo um uns herum der Krieg tobt. Frieden mittendrin und allem zum Trotz!

Weihnachten – die Geburtsstunde wahren Friedens also! Er trägt das Gütesiegel des Himmels und lässt sich nur mit Jesus erklären. Er bringt den Frieden, der nicht von dieser Welt ist, aber mit ihm in diese Welt kam. Und so wie dieser Friede mit Jesus aus der Ewigkeit kam, so führt er auch weit über uns und unser Sterben hinaus, bringt Hoffnung mit sich, Geborgenheit, die auch über die Schwelle des Todes trägt.

Von der Krippe bis zum Kreuz

Wir begreifen diesen Jesus-Frieden erst, wenn wir ihn nicht nur von Weihnachten, sondern auch von Ostern her sehen. Denn Krippe und Kreuz sind sozusagen aus demselben Holz geschnitzt. Was mit der Geburt Jesu begann, wurde mit seinem Sterben und Auferstehen vollendet. Ostern bedeutet, dass Jesus alles überwunden hat, was uns wirklich gefährlich werden kann. Er bringt echten Frieden, weil er mit den wirklichen Unruhestiftern und Störenfrieden unseres Lebens aufgeräumt hat: mit Sünde, Tod und Teufel! Außerdem fügt er von Ostern her wieder zusammen, was sich verloren hat und doch zusammengehört: Gott und Mensch, Schöpfer und Geschöpf, Himmel und Erde. Schalom!

Am Kreuz macht sich auch fest, dass der Jesus-Friede eine Zwillingsschwester hat. Immer und immer wieder bringt die Bibel Frieden und Gerechtigkeit zusammen. Friede ist die Frucht der Gerechtigkeit. Und Gerechtigkeit ist ultimativ ein Beziehungswort. So stellt sich der Friede ein, wenn wir mit Gott im Reinen sind und eine Beziehung zu ihm pflegen. Damit das möglich ist, führte der Weg Jesu von der Krippe bis zum Kreuz. Gottes Sohn wurde geboren, um für uns zu sterben. Zu Ostern hat Jesus die Voraussetzung für wirklichen Frieden geschaffen – wahre Gerechtigkeit vor Gott! Krippe und Kreuz sind also zwei Zeugen einer Wirklichkeit: Es gibt Frieden mit Gott und Hoffnung für Menschen, die sich an die Sünde, den Tod und den Teufel verloren haben.

Das Ticket muss abgestempelt werden!

Es war einer meiner freien Pastoren-Montage, an denen meine Frau und ich mitunter etwas unternehmen, während die Kinder in der Schule sind. Diesmal ging es mit dem Zug in die Bezirkshauptstadt. Die Kinder in der Schule – beste Voraussetzungen also, mal abzuschalten und in aller Ruhe den Weihnachtsmarkt zu genießen.

Aber meine Frau fand keine Ruhe. Ich auch nicht. Was war passiert? Nun, die Zeit vor Abreise des Zugs war knapp geworden und wir hatten es im Stress versäumt, unser Ticket zu stempeln. Da wir weder im Zug noch sonst irgendwo an Bahnhöfen unterwegs Möglichkeiten fanden, dies nachzuholen, fuhren wir streng genommen schwarz!

„O du fröhliche Weihnachtszeit …!“ Der Schaffner begann seine Runde und meine Frau harrte angstvoll der Dinge, die da kommen sollten. Auch wenn ich selbst etwas entspannter war, empfand ich doch Verantwortung für die Situation. Also machte ich mich auf den Weg und nutzte den Mittelgang des Zuges als eine Art Büßerpfad, wie mir vorkam. Ich ging dem Schaffner entgegen und bekannte ihm kleinlaut unser Problem. Einen Augenblick dachte ich, er würde nicht mit sich reden lassen. Er hielt mir zunächst eine strenge Vorlesung über die Gesetzeslage und nannte mir die Höhe der vorgesehenen Strafzahlung. Dann aber sagte er, wir sollten das Ticket bei Ankunft nachstempeln und damit unsere Schulden begleichen. So viel Verständnis hatte ich nicht erwartet, verdient hatten wir es nicht. Aber ich atmete auf.

Den Rest der Fahrt konnten wir in relativer Ruhe genießen. Am Bahnhof angekommen, war meine gewissenhafte Frau jedoch nicht mehr zu halten. Sie lief schnurstracks zum Stempelautomaten und dann wieder zurück. Ich sagte noch: „Wir haben doch jetzt gezahlt – alles gut, lass uns auf den Weihnachtsmarkt gehen ...“ Nein, noch war die Sache nicht abgeschlossen. Wir gingen zurück, suchten uns den Weg durch das Gedränge und fanden schließlich den Schaffner vorne beim Zugführer. Klopften ans Fenster, zeigten ihm unsere gestempelten Tickets und konnten uns des Eindrucks nicht erwehren, dass er mächtig überrascht war über so viel Ehrlichkeit. Aber das wirklich Schöne war, was dieser Augenblick mit meiner Frau machte: Die Last fiel von ihr ab! Ihre Beziehung zum Schaffner war geklärt. Nein, eigentlich nicht zum Schaffner, sondern zum Gesetz. Es war endlich Frieden! Kurz darauf schlenderten wir erleichtert über den Weihnachtsmarkt und schlürften unseren Glühwein so genüsslich wie selten zuvor!

Und die Moral von der Geschicht’? Weihnachten – dass endlich Frieden werde! Dafür kam Jesus zur Welt und Gott uns durch ihn entgegen! Denn wir sind alle auf unserer Lebensreise sozusagen „schwarz“ unterwegs, haben den Frieden verloren und Strafe verdient. Wir versuchen uns abzulenken, uns zu entspannen und unterdrücken gerne unser Gewissen. Doch wenn wir uns der Realität stellen und Gott unser Problem ehrlich bekennen, hat er keine größere Freude, als uns zu „entschulden“ und im besten Sinne zu befrieden. Durch Jesus stellt uns Gott in ein neues, unbelastetes Verhältnis zum „Gesetzgeber“ und versöhnt uns mit sich selbst. All das, damit wir unsere Lebensreise genießen können und wirklich zur Ruhe kommen. Die Kosten dafür hat er (am Kreuz) beglichen – abstempeln müssen wir das Ticket aber selbst! Will sagen: Als Antwort auf sein Friedensangebot erwartet Jesus unser Vertrauen und den Akt des Glaubens. Friede kehrt dort ein, wo wir es Weihnachten werden lassen in unseren Herzen und Jesus willkommen heißen.

So wie es der Apostel Paulus in seinem Brief an die Christen in Rom auf den Punkt brachte (Kapitel 5,1 NLÜ): „Da wir nun durch den Glauben von Gott für gerecht erklärt worden sind, haben wir Frieden mit Gott durch das, was Jesus, unser Herr, für uns tat.“

In diesem Sinne ein herzliches „Schalom“ und ein gesegnetes Weihnachtsfest!

Daniel Schulte

Daniel Schulte, langjähriger Bibelschulleiter, ist heute Pastor in Meran.

(Quelle: ethos 12/2016; Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung)

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